Weckworte

Weckworte – Projekt der Ostfalia Hochschule in Kooperation mit der Evangelischen Stiftung Neuerkerode

Im Rahmen des Projektes „Geistige Behinderung und Demenz“ der Fakultät Soziale Arbeit an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften initiierten Professorin Sandra Verena Müller und Wohnbereichsleiter Matthias Liborius das Projekt „Weckworte“. Mitarbeiter/innen der Evangelischen Stiftung Neuerkerode gründeten zusammen mit vier Studenten/innen der Fakultät Soziale Arbeit eine Arbeitsgruppe, um elf Bewohnern in sechs Sessions jeweils eine Stunde lang  Gedichte zu rezitieren. Sowohl bekannte Gedichte von Ringelnatz und Rilke als auch neue moderne Gedichte wurden dabei vorgetragen. Ziel der „Weckworte“ war es, die Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung und dementiellen Veränderungen zu steigern, diese Menschen emotional anzusprechen, sie zu aktivieren und Erinnerungsprozesse in Gang zu setzen.

Das Konzept beruht auf Erfahrungen des Slampoeten Lars Ruppel, Leiter und Erfinder des Alzheimer Poesie Projektes „Weckworte” (ehemals Alzpoetry).

Mitarbeiter/innen aus Neuerkerode und von der Ostfalia nahmen an einem Workshop von Lars Ruppel teil und erfuhren dabei viel über die Wirksamkeit von Mimik, Gestik und Berührungen (Beitrag dazu im Projektnewsletter, Ausgabe 4). Das Erlernte teilten sie mit den Studenten/innen. So schlichen sie beim Vortrag der Gedichte durch den Raum, knieten sich vor den Bewohnern hin, um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen die Hand zu reichen. Passend zum Gedicht wurden rhythmische Bewegungen eingebaut, die von den Bewohnern nachgeahmt wurden.

Auch verschiedene Requisiten kamen zum Einsatz und machten die Inhalte der Gedichte anschaulich. Jede Session wurde von den Studenten/innen evaluiert und auf Video aufgezeichnet.

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Vanessa Focke, Roland Kremer und Michaela Fritz (von links) sprechen den Erlkönig beim Poetry-Slam in Neuerkerode.
Foto: Stephan Querfurth

In der Projektvorlesung  analysierten sie die Videos zusammen mit Frau Müller. Nicht nur  Reaktionen der Bewohner/innen wurden registriert, die Studenten/innen reflektierten vor allem sich selbst beim Vortragen der Gedichte. „Das war sehr hilfreich für uns, wir konnten erkennen was gut ankam und was wir verbessern konnten“, berichtete Anna Klaus. Die teilnehmenden Bewohner/innen aus Neuerkerode blühten in den Sessions richtig auf und nahmen aktiv teil. Eine Bewohnerin rezitierte sogar selbst regelmäßig Gedichte und übernahm im Laufe des Projektes sogar den Vortrag des Abschlussgedichtes „Die Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff. Eine Teilnehmerin mit einer Sprachbeeinträchtigung hat sogar mithilfe eines Vorlesestiftes ein Gedicht über ihr Lieblingstier – die Katze – vorgetragen. Einzelne Worte und Sätze der Gedichte lösten Assoziationen und Erinnerungen aus. So ergaben sich Gespräche über positive und auch negative Erinnerungen aus der Kindheit und alltägliche Themen. Zum Abschluss schaute sich die Arbeitsgruppe zusammen mit den Initiatoren des Projektes und den Bewohnern einen Zusammenschnitt der Videos an. Jeder Teilnehmer bekam eine Erinnerungsmappe mit den beliebtesten Gedichten sowie ein Foto der gesamten Gruppe.

„Jetzt kann ich meiner Schwester mein Lieblingsgedicht zeigen“, freute sich ein Bewohner.

Hat sich das Projekt „Weckworte“ gelohnt?

Die Arbeitsgruppe plädierte für ein eindeutiges „Ja“. Insgesamt konnten viele positive Effekte gemessen werden. So fragten viele Mitarbeiter/innen aus den Wohngruppen, ob das Projekt nicht fortgeführt werden könnte. Eine Mitarbeiterin berichtete, dass ihr Bezugsbetreuter zum ersten Mal  an regelmäßigen Terminen teilnahm und sich immer sehr auf die „Weckworte“  freute. Auch die kleinen positiven Reaktionen, wie z.B. wache Momente bei einer schwer beeinträchtigten Bewohnerin mit fortgeschrittener Demenz sind zu beachten. Darüber hinaus berichteten Mitarbeiter/innen nach der jeweiligen Session, dass einige Bewohner zufrieden wirkten und vom Erlebten erzählten. Ein schöner Nebeneffekt war, dass die Studentinnen Anna Klaus und Vanessa Focke bemerkten, dass sich einige Bewohner von früher kennen, u.a. zusammengearbeitet haben und sich dann aber wieder aus den Augen verloren haben. So ergab sich ein weiteres Projekt mit sechs der Teilnehmer – „die Kontaktpflege“, bei dem die beiden Sozialarbeitsstudentinnen regelmäßige Treffen unter den Bewohnern arrangieren. Auch jetzt nach den „Weckworten“ hören sie des Öfteren Teilnehmer sagen: „Wie schade, dass die Weckworte schon vorbei sind“. Zusammenfassend konnte festgestellt werden, dass die sechs Sessions der „Weckworte“ ein voller Erfolg waren und eine Anregung, dieses Konzept in der Arbeit mit geistig beeinträchtigten und an Demenz erkrankten Menschen zu etablieren.

Vanessa Focke

Weckworte – Projekt der Ostfalia Hochschule in Kooperation mit der Lebenshilfe Braunschweig

Poesie wird bei Alzheimer und anderen Demenzkranken schon seit Jahren in den USA eingesetzt. Das wird Alzpoetry genannt. In Deutschland gibt es das nun auch, „Weckworte“ nennt sich das Projekt des Slampoeten Lars Ruppel.

Drei Studenten der Fakultät Soziale Arbeit, Chantal Klapper, Jesse Berr und Malika Kahihli sowie ein Mitarbeiter der Lebenshilfe Braunschweig, Martin Kastner, haben im Rahmen des Studienprojekts „Geistige Behinderung und Demenz“ das „Weckworte Projekt“ durchgeführt. Dieses Projekt wurde von Professorin Sandra Verena Müller und dem Wohnbereichsleiter der Lebenshilfe Braunschweig, Herr Stefan Röther, geleitet.

Durch die Gedichte kann den Menschen, die den Bezug zur Realität verloren haben, geholfen werden, weil Gedichte nicht nur die hohe Kunst der Literatur und Sprache in einer verdichtenden Form sind, sondern weil Gedichte auch Therapie sein können. Worte, Verse öffnen plötzlich den Weg ins hier und jetzt, gerade wenn man sie noch aus der Kindheit kennt.

Fünf Sessions, die etwa eine Stunde dauerten, haben unter Einbeziehung von sechs Bewohnern stattgefunden. Dadurch, dass die Studenten Gedichte gemeinsam mit den Teilnehmern der Lebenshilfe Braunschweig vorgetragen haben, konnten die Teilnehmer sich an viele schöne Momente aus der Kindheit erinnern, da sie diese Gedichte in ihrer Jugend gelernt haben. Deshalb können sie oft völlig unvermittelt einsteigen, mitsprechen oder -klatschen.

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Unterschiedliche Stimmen, Mimik, Gestik, Händedruck und weitere Hilfsmittel sind Vortragselemente, die benutzt werden sollen, um das Gefühl der Gedichte auf den Zuhörer zu übertragen. Die Gedichte können in den Gesichtern gelesen werden, wenn der Vortragende mit seinen Gesichtsausdrücken richtig umgehen kann. Dies ist besonders wichtig für die Kommunikation mit schwerhörigen Teilnehmern.

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Der erste Schritt ist bei jedem Projekt schwer. Das konnte deutlich bei der ersten Session bemerkt werden, besonders weil die Sessions mit Videokamera aufgenommen wurden. In den Vorlesungen bei Frau Prof. Müller haben die Studierenden die Videos angesehen, analysiert und in der nächsten Sitzung versucht, zu verbessern. Die Aufregung vor dem Vortragen der Gedichte wurde mit jedem Mal geringer und die Sitzungen verliefen immer entspannter. Als Geschenk bekam jeder Teilnehmer nach der letzten Session eine Erinnerungsmappe mit den beliebtesten Gedichten und einem persönlichem Foto. Zum Abschluss haben sich die Studenten und die Mitarbeiter des Projektes zusammen mit den Bewohnern einen Zusammenschnitt der Videos angeschaut. Dieses enthält die Lieblingsgedichte der Bewohner.

„Zu den einfachsten und schönsten Dingen, die Menschen füreinander tun können, zählt es, sie zum Lachen zu bringen. Wenn mir das gelingt, ist das etwas Wunderbares. Nach so einem Workshop bin ich meistens erschöpft. Das ist ein Hinweis, dass ich es gut gemacht habe und die Gedichte mit Leben gefüllt habe.“

Dieses Zitat stammt von Lars Ruppel. Wenn es so ist, kann davon ausgegangen werden, dass wir den Workshop erfolgreich gemacht haben, weil die Teilnehmer positive Reaktionen und Freude gezeigt haben. Dann hat sich unsere Mühe gelohnt.

Malika Kahihli